Schadensbeispiele

 

Bisher sind noch keine konkreten Schadensfälle dokumentiert, die nach den Vorgaben des Umweltschadensgesetzes behandelt wurden. Allerdings lassen sich aus der Auswertung von Störfallstatistiken sowie der Recherche von Medienberichten typische Beispiele für Schadensfälle ableiten, auf die das Umweltschadensgesetz heute anzuwenden wäre.

Eintrag von Schadstoffen in einen Fließgewässerlebensraum (fiktiv)

Durch einen Produktionsunfall in einem Chemiebetrieb der X-AG wird ein Brand verursacht. Bei der Löschaktion der Betriebsfeuerwehr fließt das mit diversen Gefahrstoffen und gelösten Produktionsresten versetzte Löschwasser zunächst in einen Graben und dann weiter in ein naturnahes Fließgewässer, das unterhalb des Grabens als Lebensraumtyp 3260 „Fließgewässer mit Unterwasservegetation“ kartiert und wesentlicher Bestandteil des im Unterlauf vorhandenen FFH-Gebietes ist (vgl. Graphik).

 

Im und am Graben findet sich ein Bestand des Schwimmenden Froschkrautes (Art der Anhänge II und IV der FFH-RL). Im oberen Bachabschnitt, der nicht zum FFH-Gebiet gehört, kommt die Groppe (Art des Anhangs II der FFH-RL) vor. Ebenfalls dort finden sich, genau wie in dem zum FFH-Gebiet gehörenden unteren Bachabschnitt, Brutröhren des Eisvogels (Art des Anhangs 1 VS-RL). Die eingeleiteten Stoffe wirken in der im Löschwasser enthaltenen hohen Konzentration toxisch sowohl gegenüber der Unterwasservegetation als auch gegenüber der Wasserfauna.

Ergebnis der Schadenserfassung

Der im und am Graben befindliche Bestand des Schwimmenden Froschkrautes ist abgestorben. Das Gleiche gilt weitestgehend für die Fauna des Grabens.

Im oberen Bachabschnitt ist zum einen die Fauna weitestgehend vernichtet, darunter auch die in dem Bereich vorkommenden Groppen. Zum anderen ist die Unterwasservegetation des Baches ist in diesem Bereich vernichtet, die vorhandene Ufervegetation zeigt starke Schädigungen.

Im unteren Bachabschnitt, der als Lebensraumtyp 3260 „Fließgewässer mit Unterwasservegetation“ als FFH-Gebiet gemeldet ist, ist die Fauna zum Teil direkt geschädigt (tote Fische verschiedener Arten). Die Vegetation im Wasser und knapp oberhalb der Wasserlinie ist von einem Schmierfilm überzogen. Darüber hinaus können die charakteristischen Arten Gründling, Gemeine Keiljungfer, Flussnapfschnecke sowie Quellerbsenmuschel nicht mehr nachgewiesen werden.

Beim Eisvogel wird im nachfolgenden Jahr ein geminderter Bruterfolg festgestellt, der auf eine verminderte Festigkeit der Eierschalen zurückgeführt wird.

Ergebnis der Schadensbewertung

Als erhebliche nachteilige Veränderungen und damit haftungspflichtige Umweltschäden sind insbesondere einzustufen:

  • die Vernichtung des Bestandes des Schwimmenden Froschkrautes im Graben
  • die Vernichtung der im oberen Bachabschnitt vorkommenden Groppen
  • die Schädigung der Unterwasservegetation im Bereich des Lebensraumtyps 3260
  • die Vernichtung der vorkommenden Populationen des Gründlings, der Flussnapfschnecke sowie der Quellerbsenmuschel.

Mögliche Sanierungsmaßnahmen

Zur primären Sanierung, also zur möglichst identischen Wiederherstellung des Ausgangszustandes durch natürliche Regeneration oder unterstützende Maßnahmen sowie der ergänzenden bzw. Ausgleichsanierung für nicht wieder vollständig herstellbare Ausgangszustände bzw. zwischenzeitliche Funktionsverluste (interim losses) kommen je nach Schadenssituation unterschiedliche Maßnahmen in Frage.

Zur primären Sanierung des Verlustes an Schwimmendem Froschkraut ist neben der Wiederherstellung der ursprünglichen Standortverhältnisse eine Stützpflanzung erforderlich, da keine Restbestände mehr anzutreffen sind, von denen eine natürliche Wiederbesiedlung ausgehen könnte. Da die Entwicklungszeit der neuen Bestände bis zum ursprünglichen Zustand voraussichtlich länger als ein Jahr dauert, ist zur Kompensation der zwischenzeitlichen Verluste zusätzlich eine Ausgleichssanierung erforderlich, die darin besteht, in weiteren Bereichen die Standortvoraussetzungen zur Ansiedlung von Schwimmenden Froschkraut zu schaffen.

Um die Vernichtung der im oberen Bachabschnitt vorkommenden Groppen zu sanieren, sind stützende Maßnahmen durch eine Optimierung der Lebensraumbedingungen angebracht, die die natürliche Wiederbesiedlung des betroffenen Bachabschnittes fördern. Eine ergänzende Sanierung oder Ausgleichsanierung zwischenzeitlicher Funktionsverluste ist dann nicht erforderlich.

Eine primäre Sanierung der vernichteten Populationen des Gründlings, der Flussnapfschnecke sowie der Quellerbsenmuschel ist nicht möglich. Im Rahmen der ergänzenden Sanierung werden daher im Sinne einer funktionsäquivalenten Wiederherstellung Populationen der betroffenen Arten in angrenzenden Gebieten durch geeignete Maßnahmen gefördert, so dass langfristig mit einer Wiederbesiedlung der betroffenen Gewässerabschnitte zu rechnen ist.

Weitere mögliche Umweltschäden im Sinne des USchadG

Aus den Störfallstatistiken und Medienberichten lassen sich weitere typische Beispiele für Schadensfälle ableiten, auf die das Umweltschadensgesetz zukünftig anzuwenden wäre.

Eintrag von Schadstoffen über den Wasserpfad/ Fließgewässerlebensraum

Aus einer Anlage zur Herstellung von Kohlenwasserstoff tritt benzolhaltiger Kohlenwasserstoff aus und fließt in einen angrenzenden Bach. In dem mittelgroßen, sauerstoffreichen Bach leben Bachneunaugen und Groppen; 50 dieser Fische sterben.

Eintrag von Schadstoffen über den Wasserpfad/ Fließgewässerlebensraum

Bei einem Unfall eines Gefahrguttransporters tritt Kieralon aus. Diese giftige, stark ätzende und extrem leicht entflammbare Chemikalie fließt in einen nahe gelegenen Bach. In dem sandigen Bach mit klarem, schnell fließendem Wasser lebt die Gemeine Flussmuschel, die aufgrund der Verseuchung des Bachbettes nach dem Vorfall auf einer Länge von 1 km nicht mehr vorkommt.

Eintrag von Schadstoffen über den Wasserpfad/Stillgewässerlebensraum

Bei einer Löschaktion eines Brandes in einem Chemiewerk fließt das Löschwasser der Feuerwehr mit gelösten Produktionsresten in einen nahe gelegenen Heideweiher (Lebensraumtyp 3130 "Nährstoffarme basenarme Stillgewässer"). Der Lebensraum wird dadurch in seinem Gewässerchemismus verändert und verliert seine Funktion als Lebensraum für charakteristische Arten.

Zerstörung von Wald durch Feuer

Bei einem Brand in einem Chemiewerk gehen die Flammen auf ein angrenzendes Waldgebiet über und zerstören 10 ha Wald. Durch die Zerstörung des Waldes wurden Lebensraumbestandteile der Mopsfledermaus (FFH-RL Anhang II, IV) negativ verändert. Erst nach längeren Zeiträumen werden diese wieder für die Art in vollem Umfang geeignet sein. In der  Zwischenzeit werden andere relevante Arten gefördert.

Änderung von Standortverhältnissen eines Fließgewässers und eines Waldes

Aufgrund von unvorhergesehenen Folgen einer Grundwasserabsenkung im Bergbau ist eine Quelle versiegt und wurden die Standortbedingungen für einen bachbegleitenden Erlen-Eschenwald (LRT 91E0* "Erlen-/Eschenwald und Weichholzauenwald an Fließgewässern") gravierend verändert. Der Lebensraumtyp wird zunächst - bereits kurzfristig - seine Funktion als Lebensraum für charakteristische Arten verlieren, sodann tritt eine vollständige Änderung der Ausprägung des Lebensraumtyps ein.

Mechanische Zerstörung einer Sandbank

Beim Sandabbau in der AWZ wurde außerhalb der genehmigten Fläche Sand abgesaugt und dadurch 1.5 km² des Lebensraumtyps Sandbank (LRT 1110 "Sandbänke mit nur schwacher ständiger Überspülung durch Meerwasser") zerstört.

Mechanische Zerstörung einer Flachlandmähwiese

Im Zuge der Baumaßnahmen zu einer Umgehungsstraße wurde - entgegen der Genehmigung - in einer angrenzenden Flachlandmähwiese auf einer Fläche von 600 m² für 2 Monate Bodenaushub zwischengelagert. Die Vegetation wurde dadurch in diesem Bereich vollständig zerstört. Zudem wurde damit eines der regional letzten Vorkommen des Hellen Wiesenknopf-Ameisenbläulings (FFH-RL Anhang II, IV) in Teilen zerstört.

Beseitigung von 3 Brutbäumen des Eremiten

Im Zuge von Baumaßnahmen zum Aufstau eines Gewässers werden entgegen der vorliegenden Zulassung auch 3 Eichen gefällt, die Brutbaum des Eremiten (prioritäre Art nach Anhang II und Art nach Anhang IV FFH-RL) sind.

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